Warum ist die Richtung der Buchrücken-Titel verschieden?

Einige Fragen eröffnen sich erst dann, wenn man von unglaublicher Langeweile gepeinigt wird, oder sein Gehirn in ungeahnte Regionen führt, die weit jenseits von dem liegen, was man als Allgemeinwissen bezeichnen würde... dennoch sind diese Fragen nicht minder interessant und wohl kaum ein Erwachsener könnte erklären, warum Bücherrücken in unterschiedlicher Richtung bedruckt sind...
christiane meint:
ch schreibe eine Softwarelösung für den Buchhandel. Als Programmierer bin ich natürlich kein Experte für Bücher - aber Programmierer denken ja grundsätzlich, sie seien Experten für so ziemlich alles.Das mit den Buchrücken hat folgenden Hintergrund: Eigentlich handelt es sich hier um eine bösartige Verschwörung seitens der Softwareanbieter für den Buchhandel. Man möchte dem Buchhändler das Gefühl vermitteln, Bücher seien etwas ganz und gar unberechenbar Kompliziertes. Macht nun die Software beim Buchhändler einen Fehler, so kann der Programmierer immer sagen "Sie wissen doch wie das mit den Büchern ist ... das ist sehr kompliziert! Das ist wie mit den Buchrücken - mal so rum, mal so rum! Glauben Sie mir, die Software arbeitet schon richtig - es fehlt nur am nötigen Durchblick um das auch zu erkennen!" Und warum machen die Buchdrucker bei dieser Verschwörung mit? Ganz einfach, wir haben lange und oft genug gedroht, alle Buchhändler zur Umschulung auf Landschaftsgärtner zu überreden - damit wären die Drucker dann ihren Job los! Man mag den Einwand haben "Das war aber schon damals so, lange bevor es Software gab!". Nun, Sie sehen ... wir haben sauber gearbeitet und die Geschichte "berichtigt", nicht mal Sie haben das gemerkt! Ich habe nicht direkt eine antwort, aber mir ist aufgefallen, dass es einen unterschied zwischen deutschen und englischen Büchern gibt. die deutschen sind in der reges von rechts zu lesen, die englischen genau andersrum. Und das meist immer.
Klaus Bailly meint:
Interessanterweise scheint das tatsächlich eine der seltenen Fragen zu sein, zu denen es keine Norm gibt. Ein alter Schriftsetzermeister hat zwar mir gegenüber einmal die Ansicht vertreten "Gestürzte Zeilen immer von oben nach unten" (also "rechtsdrehend" - schöne Terminologie nebenbei), aber das blieb eine vereinzelte Meinung. In der typographischen Fachliteratur habe ich eine solche Regel nirgendwo finden können. Karl Gerstner schreibt in seinem "Kompendium für Alphabeten" zutreffend: dazu "gibt es unter Buchproduzenten zwei Lager - wenn nicht Weltanschauungen". Im Gegensatz zu dem unbekannten Experten von der Karl-Franzens-Uni in Graz halte ich allerdings die linksdrehende Buchrückenbeschriftung für die logischere. Bei einem einzeln auf dem Tisch liegenden Buch kann man die Titelseite des Einbands lesen und ist nicht auf den Rücken angewiesen. Das Argument der besseren Lesbarkeit bei flach auf dem Tisch liegenden Büchern ist daher nur für Leute relevant, die ihre Bücher in Stapeln aufbewahren. Da anständige Menschen Bücher ins Regal stellen, kann die Randgruppe der Stapler hier vernachlässigt werden. Bei Büchern, die im Regal stehen, ist unbedingt diejenige Anordnung am funktionalsten, die es uns ermöglicht, die Buchtitel in Übereinstimmung mit unseren normalen Lesegewohnheiten aufzunehmen, das heißt von links nach rechts und zeilenweise von oben nach unten. Wie aus der sehr anschaulichen Drehsinntypologie des Grazer Experten unschwer ersichtlich ist, ist das nur bei der linksdrehenden Anordnung der Fall. Bei rechtsdrehenden Buchtiteln bewege ich mich entweder von links nach rechts am Regal entlang - dann habe ich das Gefühl, von unten nach oben zu lesen; oder ich bewege mich von rechts nach links - dann nehme ich die Bücher in der falschen Reihenfolge wahr, denn einsortiert (z.B. alphabetisch) werden sie natürlich von links nach rechts. Meine private Lösung: In meinem Bücherregal sind alle Rückentitel linksdrehend. Abweichler stehen gnadenlos auf dem Kopf.
Bergoron meint:
Das Problem müsste eigentlich den CD-Herstellern schon lange bekannt sein, und aus Fehlern sollte man lernen. Doch Pfeifendeckel (warum eigentlich diese Wort in diesem Zusammenhang? - Eine neue Frage)! Immerhin weiß die Mehrheit der Hersteller, dass CD´s des öfteren horizontal aufbewahrt werden, wobei die geriffelte Leist nach vorne oben zeigen muss. Also muss die Schrift im Stand der CD (geriffelte Leiste rechts vorne) logischerweise rechtsdrehend sein. Doch selbst in diesem Bereich, wo es sogar einen triftigen Grund gibt, bleibt die Tradition der der Anti-Konvention.
achduliebergott meint:
Es ist ja noch komplizierter! Bei dicken Wälzern wird dann der Titel auch gerne mal horizontal auf den Rücken gedrückt. Beim Regal-Scannen pendelt der Kopf dann gezwungenermaßen nach rechts, dann links, zur Abwechslung kann dann auch mal ein Titel ohne Verrenkungen gelesen werden... Abhilfe: Bücher mit der Schnittkante (da wo man blättert) nach vorne ins Regal stellen und Lektüre nach dem Zufallsprinzip auswählen.
Schrott meint:
Das sich im angelsächsischen Bereich mehr Logik zeigen soll, kann ich nicht nachvollziehen. Liegt es mit der Vorderseite auf dem Tisch, kann man gar nichts mehr lesen. Legt man hingegen ein linksdrehendes Buch auf den Tisch, ist der Titel in jedem Fall lesbar: Entweder auf dem Buchrücken oder auf der Rückseite.
KFUG: UNIZEIT 2/97 weiß dazu:
Das Folgende haben wir bei KFUG: UNIZEIT 2/97 von der Uni Graz gelesen: Stellt man ein Buch in ein Regal, so dass dessen Vorderseite vom Betrachter aus gesehen nach rechts zeigt und die Beschriftung aufrecht ist, ist keineswegs vorherzusehen, wie sich die Schrift am Buchdeckel dem Betrachter präsentiert. Linksdrehend erscheint sie in meiner Terminologie dann, wenn man den Kopf links neigen muss, um sie zu lesen. Rechtsdrehend dann, wenn man ihn rechts kippen muss. Zu meiner Verzweiflung gibt es nun so gut wie kein Regal - weder in der Bibliothek noch in der Buchhandlung -, das ausschließlich links- oder rechtsdrehende Bücher fasst. Im Gegenteil: Man kann fast wetten (gibt es hier einen Zusammenhang mit "Buchmachern"?), dass diese beiden Sorten bunt gemischt sind. Wenn Sie meine Erkenntnisse auf dem Sektor Buchrückenbeschriftungsorientierung experimentell nachvollziehen wollen, stellen Sie sich jetzt vor ein beliebiges Bücherregal - an der Uni sollte im Normalfall so etwas durchaus in Reichweite sein. Warum diese Inkonsequenz, diese Regellosigkeit im Regal? 400 Jahre Buchdruckkunst, tausend Jahre Bücher - und keine Norm? "Nein, es gibt keine Norm.", heißt es aus Buchhandlungen und Bibliotheken leicht gequält. Nur ein Beamter in der Nationalbibliothek will vage von einer Art Vorschrift wissen. "Manche Normen existieren so versteckt, dass niemand sie kennt", bekennt die oberste Bücherwächterin der Universität Graz, Hofrätin Dr. Sigrid Reinitzer - Kakanien hin oder her. Tatsache aber nach intensiven Recherchen: Bei uns werden im allgemeinen Bücher linksdrehend gedruckt. Im angelsächsischen Bereich ist es genau umgekehrt - hier herrscht traditionell die Rechtsdrehung vor. Ungeachtet der Tatsache, dass dort im allgemeinen willkürliche - ja oft groteske Ordnungsprinzipien hochgehalten werden (siehe Inch, Fuß, Geldsystem etc.) zeigt sich dort mehr Logik, wenn man etwas tiefer in die Wissenschaft der Buchdrehproblematik einsteigt: Legt man nämlich ein rechtsdrehendes Buch flach auf den Tisch, so dass seine Vorderseite nach oben zeigt, ist der Buchrücken lesbar. Bei linksdrehenden Büchern ist das schlicht unmöglich: Entweder ist der Buchrücken verkehrt oder die Rückseite des Buches liegt nach oben gerichtet. Drehsinntypologie Die Thesen der Buchweisen sind geteilt: Die meisten vermuten - nach dem Motto "Das hamma immer schon so gemacht" -, dass es sich schlicht um eine Tradition handelt. Nachdenklichere Kollegen bemühen die These einer Art reflexartigen Verhaltens des Kopfes, der sich lieber nach links neige - deshalb die Linksbevorzugung bei den Verlagen. Einzelne vertreten die Ansicht, dass die Bucheinband-Grafiker nach Lust und Laune ("oder weil er beschwipst ist", so ein Statement), den Drehsinn festlegen. Empirische Studien zeigen jedenfalls, dass es vor einer beliebigen Regalwand zwei verschiedene Typen von Betrachtern gibt; dies führt in den hochinteressanten soziokulturellen Bereich der Drehsinntypologie, der praktisch unerforscht ist. Der Großteil der Regalbetrachter dreht permanent den Kopf hin und her und betreibt dabei eine Gymnastik, die vielleicht für die Halswirbel gut sein mag. Seltener ist die Spezies, die einmal linksgeneigt nach rechts, und dann rechtsgeneigt nach links rückwärts die Regale abschreitet; sie lesen die Buchrücken abwärtslesend (bitte selbst ausprobieren!). Extrem selten sind Lesehungrige, die erst linksgeneigt nach links, dann rechtsgeneigt nach rechts und somit aufwärtslesend die Regale durchmustern. Kreatives Sortieren Eine ganz andere Einteilung im Sinn der Drehsinntypologie ergibt sich, wenn man das Einsortierverhalten betrachtet: Der sozusagen konventionelle Leser stellt das Buch mit der Titelseite korrekt in das Regal - ungeachtet, ob dadurch der Buchrücken rechts- oder linksdrehend zu stehen kommt. Boshafte Zungen behaupten, die zweite Gruppe würde nur Schau-Regale einrichten, diese Bücher aber niemals selbst lesen: Jene nämlich, die die Buchrücken einheitlich ausrichten - und damit in Kauf nehmen müssen, dass der Bucheinband vorne irgendwie steht. Die dritte Gruppe trägt zu der Untersuchung wenig bei: Sie wurschteln ihre Bücher kreuz und quer ins Regal - der kreative Zufall herrscht vor. Dieser kreative Zufall macht vor allem den Bibliothekaren zu schaffen. Getrimmt auf Ordnungssinn, beklagt man Disziplinlosigkeit. Die Buchverwalter werden nicht nur von der Orientierung der Schrift am Buchrücken geplagt, sondern auch von anderen Unterlassungen: So schreibt keine Norm die Form vor, wie und ob Autor, Titel, Verlag etc. am Buch anzubringen ist. Fest steht: Die Signaturen werden am aufrechten Buch vorgenommen. Eines ist jedenfalls klar: Ohne hochdotierte umfangreiche Studie wird sich das Rätsel um die Buchrückenbeschriftungsorientierung nicht lösen lassen. Für die Herren (und Damen?) der 150jährigen Akademie der Wissenschaften wäre dies ein aufgelegtes Thema; vielleicht kann auch sie ein Buchrücken entzücken. Allerdings - in Zeiten der Vermarktung und des Ideenschutzes: Copyright by the Author. Im Gegenzug noch zwei Tipps. Erstens: Die Chinesen kennen diese Probleme nicht. Zweitens: Auch bei CDs ist dieses Problem längst relevant."